Leseprobe aus "Melancholie"

 

In einem verlassenen Zimmer

 

Durch das Fenster bricht zart der Sonnenschein,

Freude sollte er ihr bringen.

Doch sie fühlt sich abgeschnitten und allein

und kann sich kaum ein Lächeln abringen.

 

Der Wind spielt lustig mit den Gardinen

auf dem Balkon beginnt ein Vogel zu singen.

Doch sie muss sich zum weitermachen zwingen,

jeden Tag über das Für und Wieder sinnen.

 

Sie ist wunderschön,

jeder will sie berühren oder sehen,

aber niemand kann ihre Gefühle verstehen.

Viele glauben, diese reinen Augen können nicht weinen,

aber sind nicht gerade diese Herzen, welche leiden?

 

Irgendwo in der Ferne spielt eine Orgel,

für einen kurzen Augenblick vergisst sie ihre Sorge.

Doch des Nachts wird der Seelenschatten sie liebkosen,

wird er sie irgendwann töten?

 

Leseprobe aus "Grabesstimme"

 

Wenn Freundschaft tödlich endet

In Memoriam Julia D.

Sie war noch ein Kind, als es begann.

Achtausendfünfhundert Tage lang zerriss sie stumm der menschliche Mann.

Einzig, allein der Vater reichte ihr die Hand,

doch auch er kam gegen den Sturm nicht an.

 

Im zarten Alter von elf Jahren erzählte sie einer Freundin.

„Ich glaube, ich fühle mich zu Frauen hingezogen,

sie zu lieben scheine ich geboren.

Verabscheust du mich nun, weil ich anders bin?“

 

Natürlich verneinte sie diese Frage,

doch hinterm Rücken fing der Mund an zu erzählen,

lud fremde Leute ein, das Mädchen zu quälen.

Mitgefühlstarb an diesem Tage.

 

Übliche Gerüchte wurden gestreut

und obwohl sie versuchte zu fliehen,

schienen die Worte nicht zu besiegen.

Ich frage mich, ob es jemand bereut.

 

Sie war viel zu jung, als sie starb,

als sie dort hing, fiel ein Stern hinab

und erhellte kurz die finstere Nacht.

Nun ruht sie friedlich im Grab.

 

 

 

 

Leseprobe aus "Schattenrosen im Zwielicht"

Es regnete in Strömen als die prächtig geschmückte und dennoch rein schwarze Kutsche des Prinzen vor der Oper  hielt.

Elegant stieg Louis aus dem Wagen und reichte Jasmine seine Hand. Die

Gouvernante murmelte wenig vornehme Schimpfwörter, weil das miserable Wetter

ihr neues Kleid zu ruinieren drohte. Jenes war aus cremefarbener Baumwolle

gefertigt und mit zarten, altrosa Stickereien versehen. Die eng taillierte

Jacke wurde mit goldenen Knöpfen geschlossen und die eng gerafften Blusenärmel

waren mit den neuartigen Pagodenärmeln bedeckt. Das angesetzte Schößchen war in

tiefe Falten gelegt, der antike Spitzenkragen vervollständigte ihre Erscheinung

und niemand würde so schnell auf die Idee kommen, dass Jasmine einst eine

Gouvernante gewesen, wobei die Nutzung jener Schimpfwörter diesen Eindruck

revidierten. Louis konnte ein leicht schadenfrohes Grinsen nicht unterdrücken,

schließlich war es nicht seine Idee gewesen, in die Oper zu gehen. Aus diesem

Grund hatte der junge Prinz auf seine nach heutigen Maßstäben sehr pompöse

Kleidung verzichtet und stattdessen einen einfachen Frack mit dunkelblauer

Jacke aus Baumwolle mit Schwalbenschwanz und glänzenden Knöpfen und eine weiße,

sehr enge Seidenhose gewählt, die seine schlanken Beine mehr als deutlich

betonte. Als einziges verspieltes Detail hatte er ein kleines, weißes

Spitzenjabot und einen schwarzen Zylinder gewählt, welcher sein blondes Haar

regelrecht strahlen ließ. Trotz der Einfachheit seiner Kleidung wurde es im

Foyer augenblicklich totenstill und alle dreihundert Augenpaare ruhten einzig

allein auf ihm. Louis hasste dieses Maß an Aufmerksamkeit und hätte, wenn

Jasmine nicht an seiner Seite gewesen wäre, auf dem Absatz kehrt gemacht.

Das folgende aufgeregte Getuschel schmerzte in seinen empfindlichen Ohren und

die gierigen, koketten Blickte zahlreicher Damen trieben ihn innerlich zur

Weißglut. Natürlich war dieses naive menschliche Verlangen sehr nützlich, wenn

es um den regelmäßigen Trunk Blut ging. Doch wenn es über das Zuwerfen

heimlicher verliebter Blicke hinausging konnte es problematisch werden, und in

solchen Momenten war Louis dankbar, dass die Jahrzehnte seiner Existenz ihn

Beherrschjung gelehrt hatten. Aber heute belästigte ihn zu seiner Erleichterung

niemand, nur ein Diener bot ihm als Willkommensgruß ein Glas Rotwein an,

welches Louis dankbar annahm. Zusammen mit Jasmine setzte er sich in die

gemietete Loge und wartete auf den Beginn der Vorstellung, auch wenn er keine

Ahnung hatte, welches Stück heute Abend gezeigt werden würde. Sein Blick

wanderte durch das Opernhaus. Die aufwendigen Stückverzierungen an der hohen

Decke, welche durch barocke Malereien ergänzt wurde, der vergoldete,

girlandenförmige Schmuck an Logen und Emporen sowie der purpurfarbene Bezug der

Sessel erinnerten ihn unweigerlich an Versailles. Früher war die Farbe Purpur

das Markenzeichen der Könige gewesen, heute war sie in fast allen

gesellschaftlichen Schichten vertreten.

Der mächtige nachtblaue Vorhang hob sich und die Vorstellung begann. Schon nach

wenigen Takten wusste Louis, dass es sich um Beethovens „Fidelio“ handelte,

eine Oper, von der er bereits einige Passagen für die Harfe umgeschrieben

hatte. Auch die Art der Inszenierung gefiel ihm, wenngleich das Ende ihn

bedrohlich mit den Zähnen knirschen ließ. Der junge Prinz wusste aus eigener

Erfahrung, dass die meisten Kerkeraufenthalte und Folterungen eben nicht so

glücklich und mit Jubel endeten, sondern, wenn es überhaupt zu einer Befreiung

kam, mit Verlust, Schmerzen, Tränen und seelischen Narben verbunden waren.

Jasmine ahnte sofort, was in ihrem Schützling vor sich ging und nahm tröstend

seine Hand. Nach einigen lautlos gesprochenen Worten und kurzen

Streicheleinheiten konnte der Vampir sich wieder auf die Oper konzentrieren.

Die Darstellerin der Leonore faszinierte ihn sehr. Zum einen durch die sehr

gefühlvolle und doch eigene Art, wie sie selbst die tiefen und somit sehr

schwierigen Arien sang und zum anderen durch ihre makellose, zweifelsohne sehr

hübsche Gestalt. Schulterlange, rotblonde, leicht gelockte Haare, ein schmales

Gesicht mit vor Aufregung geröteten Wangen, tiefblauen Augen und einem

sinnlichen Mund, welcher sofort zum Küssen einlud. Ihr schlanker, jedoch nicht

zu magerer Körper war mit einem Kleid aus hellblauer, fast weißer Rohseide

bedeckt und der mehrstufige, aus Volants bestehende Rock sowie das schmale

Mieder waren über und über mit winzigen funkelnden Steinen besetzt, welche

exakt in Richtung der Rüschenbahnen verliefen. Das Mieder war außerdem ebenso

wie die kurzen Ärmel mit antiker Tüllspitze besetzt und erlaubte einen

freizügigen, provokativen Blick auf ihre milchweißen Schultern. Ihr

unschuldiger Duft, gepaart mit einigen Tropfen süßen Schweißes, ließen Louis

schlucken und seine Fangzähne kamen zum Vorschein. Er begehrte den Lebenssaft

jener Sängerin.

Leseprobe aus "Traumreise"

 

An den Schmetterling

 

Ich sitze hier ganz allein

vor mir nur der flackernde Schirm

und weiß nicht einmal mehr, wo ich das noch selbst bin.

Draußen trägt die Welt ihr Winterkleid

und viele sind jetzt glücklich zu zweit.

Ich spüre den Luftzug; du bist da!

Ich muss nicht sprechen, deine Augen sehen alles klar.

Ohne ein Wort lächelst du mich an

und nimmst tröstend meine Hand

Dein Kopf liegt auf meinem Bein

meine Finger spielen mit deinem Haar,

nur im Tod bist du mir nah.

Du weiß, dass die tödliche Schwäche in mir ist

und auch dass meine Seele trägt einen tiefen Riss.

"Ruh dich aus", bittest du mich

und du weißt genau, ich kann es nicht,

denn dann würden die Schatten wiederkehren

und mein Leid sich ins Unerträgliche mehren.

Aus meinem Augenwinkel rinnt eine Träne

von der ich hoffe, dass niemand sie sehe

Tröstend nimmst du mich in den Arm

mit dieser Geste wird mir für kurze Zeit wieder warm.

 

Leseprobe aus "Die schwarzen Rosen von Versailles"

 

Prolog

Im Schloss von Versailles sonnst du dich in deinem Glanz

Aber niemand reicht dir in wahrer  Freundschaft die Hand

Sehnsucht ist verborgen hinter majestätischer Arroganz

Doch anstatt zu sehen, bittest du lieber im den nächsten Tanz

 

Aber niemand erkennt, dass nicht nur königliches Blut in deinen Adern fließt,

dass du auch Frau und Mutter bist

Um dein Kind zu retten schlossest du einen Pakt mit den Mächten der Finsternis,

welcher alles, was du kanntest, ins Grabe trieb

 

 

 

Kapitel 1

 

„Der Dauphin“

 

Am 27. März des Jahres 1785 ertönte ein qualvoller Schrei in den Mauern des Schlosses Versailles. Es war jene Nacht, in der Louis Charles du Bourbon das Licht der Welt erblickte. Schon mit seinem ersten Schrei wurde er Dauphin und sämtliche Hoffnungen der Nation, insbesondere jene des Adels, ruhten auf ihm. Denn nicht nur, dass sein älterer Bruder kurz zuvor an einer schweren Krankheit gestorben war, in Frankreich brodelte der mit jedem Tag wachsende Hass auf Adel und Königsfamilie. Auch wenn man in Versailles gewaltsam die Augen davor verschloss und sich lieber Maskenbällen oder anderen Vergnügungen hingab. Alle dachten, oder vielmehr hofften, dass sich mit der Geburt des kleinen Prinzen alles zum Guten wenden beziehungsweise die alte Ordnung wiederhergestellt werden würde. Niemand ahnte, welch tragisches und sehr ungewöhnliches Schicksal Louis Charles vor sich hatte. Nicht nur, dass er schon bei der Geburt mehr als sonderbar wirkte. Auch die strahlend, blauen Augen, welche er zweifelsohne von seiner Mutter, Königin Marie Antoinette, geerbt hatte, schienen mehr von der Welt erahnen oder zu wissen, als für ein Baby gut sein konnte.

„Lady Francois! Lady Francois“!“ Mit einigen stolpernden Schritten, welche jedoch eher von überschwänglicher Freude als von Ungeschick geprägt waren, rannte der mittlerweile dreijährige Thronfolger auf die Kommandantin des königlichen Garderegiments zu und schlang die Arme um ihre Knie. Nach dem ersten Moment der Überraschung gestattete diese ein sanftes Lächeln und hob den Kleinen auf ihren Arm. Er jauchzte vor Freude und drückte zwei feuchte Küsschen auf ihre Wange. „Louis Charles“ Unsicher, ob sie entrüstet sein oder lachen sollte, stand seine persönliche Gouvernante Jasmin in der Tür und betrachtete die Szene. Ihre langen, braunen Haare waren zu einem praktischen Knoten hochgesteckt und das schmale Gesicht mit leichtem Puder geschminkt. Das aus verschiedenen Stoffen, wie Baumwolle und Leinen, gefertigte Kleid mit dem aufwendigem Blumenmuster fiel in zahlreichen kleinen Fältchen über den Unterrock aus weißem Batist. Am auffallendsten war der zarte Prunk in Form einer Schleppe, die nach vorn und hinten auslief.

 Nicht wenige Höflinge rümpften die Nase und zerrissen sich den Mund über Jasmins Modegeschmack, aber die Anfang Dreißigjährige störte sich nicht daran. Denn nicht nur, dass Jasmin die Natur liebte (und diese Zuneigung auf Louis Charles übertrug). Sie war zudem die persönliche Gouvernante und engste Vertraute des zukünftigen Thronfolgers. Sie lachte und weinte, tröstete und maßregelte, lobte und schimpfte ihn aus. Es gab nur wenige Menschen, welche in Louis das Kind und nicht den Prinzen sahen, was der zweite Grund für Jasmins relativ einfache Kleidung war. Wie alle Kinder seines Alters war auch der Dauphin verspielt und übermütig. Nicht selten musste die Gouvernante ihm regelrecht nachjagen. Böse Zungen behaupteten sogar, dass Jasmin dem Dauphin eher eine Mutter sei als die Königin selbst. Obwohl das bis zum gewissen Grade der Wahrheit entsprach, so schmerzten diese Gerüchte sowohl Jasmin als auch Lady Francois zutiefst.  Beide wussten, dass die Königin in ihrem Innern ein gütiger und großherziger Mensch war. Leider hatten Frustration, Gefühlswirren und Einsamkeit Marie Antoinette dazu gebracht, ihre guten Eigenschaften hinter einer Fassade aus Kälte und Verschwendungssucht zu verbergen.


„Lady Francois.“ Louis’ zarte Stimme riss die Kommandantin aus ihren Gedanken, „würdet Ihr mit mir ausreiten? Bitte…bitte…bitte!“ Der kleine Prinz blickte sie mit seinen saphirblauen Augen an. Es war schwierig, Louis etwas abzuschlagen wenn dieser ernsthaft bettelte.

„Aber Prinz“, meldete Jasmin sich zu Wort, „Lady Francois hat sicher etwas mit Eurer Mutter zu besprechen und keine Zeit!“

Der kleine Dauphin verzog seine Lippen zum Schmollmund und seine Augen füllten sich mit Tränen - nicht, weil er aufsässig war und unbedingt seinen Willen bekommen wollte, sondern weil er gerne Zeit mit Francois verbrachte.
„Nicht weinen“, sprach diese daraufhin und strich ihm die Tränen von den Wangen. „Schaut, wenn das Gespräch mit Eurer Mutter nicht zu lange dauert, werde ich danach mit Euch ausreiten. Zieht währenddessen schon mal Eure Reitkleidung an, in Ordnung?“

„Hurra“, rief Louis begeistert und rannte geschwinder als ein junges Reh ins Ankleidezimmer. Normalerweise sträubte er sich mit Vorliebe gegen die höfische Kleidung, da diese seinen natürlichen Neigungen im Wege standen und außerdem recht schwer waren.

Jasmin lächelte unverhohlen, sie freute sich immer, wenn ihr kleiner Schützling glücklich war. Für einen kurzen Moment gestattete Lady Francois sich, diese Geste zu erwidern, ehe ihr Blick wieder ernst wurde. Im Gegensatz zu all den Adeligen in Versailles, welche sich unverhohlen und teilweise sehr dekadent der Vergnügungssucht hingaben, kannten die Kommandantin und auch die Gouvernante das Leben des einfachen Volkes. Francois wusste, dass die Leute sehr unzufrieden waren und dass ihr Hass, besonders gegen Marie Antoinette, tagtäglich wuchs. Die Zeit einer Veränderung stand unmittelbar bevor, unter einigen Soldaten war sogar der Begriff „Revolution“ gefallen. Aus diesem Grund war Francois in das Schloss gekommen, sie wollte mit der Königin sprechen und diese zur Einsicht bewegen. Zwar hatte Francois sich deswegen mit ihrem Vater, General Jarjayes, gestritten, aber sie wusste, dass ihr Anliegen richtig war. Das Volk besaß eine unglaubliche Macht, welche ein großes Blutvergießen heraufbeschwören konnte. Die Kommandantin seufzte und schloss die Augen. Innerlich betete sie, dass Marie Antoinette, welche für Francois nicht nur Herrscherin, sondern auch Freundin war, einmal die Königin sein würde, die sich alle seitdem Anbeginn ihrer Regierungszeit gewünscht hatten.
„Ihre Majestät lässt bitten“ Die Stimme des Herzogs durchbrach ihre Gedanken. Francois erhob sich und folgte ihm in das Zimmer der Königin, wo Marie Antoinette bereits auf sie wartete. Die nunmehr 33jährige Königin trug ein Rokokokleid mit einem Überwurf aus kupferfarbener Seide, welcher mit zierlichen, silber-blauen Ornamenten geschmückt war Das Untergewand bestand aus blutrotem Brokat, an dem dunkelrote Samtrosen aufgenäht waren. Die Armrondelle verliefen etwas schräg und, waren, ebenso wie das Untergewand mit weißer Spitze unterlegt. Eine weitere Verzierung bildeten rote Schleifchen. »
Die nunmehr 33-jährige Königin trug ein Rokokokleid mit einem Überwurf aus kupferfarbener Seide, welcher mit zierlichen, silberblauen Ornamenten geschmückt war. Das Untergewand aus blutrotem Brokat, mit dunkelroten Samtrosen verziert, hing schwer auf ihren Schultern. Die mit weißer Spitze unterlegten, schräg verlaufenen Armrondelle wurden durch die kleinen roten Schleifen noch betont.

Francois fiel auf die Knie: „Seid gegrüßt, Eure Majestät!“ Die Königin lächelte und gebot ihr, sich zu erheben.

„Lady Francois, welch freudige Überraschung. Was führt Euch hierher?“ Ihre Augen blitzten in kindlicher Freunde und erinnerten einen Augenblick lang an das vierzehnjährige Mädchen, das einst nach Versailles gekommen war.

„Majestät, ich bitte Euch, zieht Eure Truppen aus Paris zurück. Die Menschen sind in Aufruhr und voller Hass auf die königliche Familie. Ein Blutbad muss unter allen Umständen verhindert werden!“

Der lebhafte Funke in Marie Antoinettes Augen erlosch sofort und  wich eisiger Kälte.

„Nein, das kann ich nicht“, entgegnete sie mit harter Stimme, „diese Menschen versuchen, die natürliche Ordnung zu stürzen und sich dem König gleichzustellen. Sie müssen untergraben werden!“

Francois zuckte bei diesen Worten kaum merklich zusammen. Was war der Grund dafür, dass ihre einst so geliebte Freundin derart kalt und grausam geworden war?

„Majestät, euer Volk hegt keineswegs dein Wunsch, mit Euch gleichgestellt zu sein. Alles, was es verlangt, sind Brot und ein besseres Leben!“

„Ich habe Soldaten aus allen Teilen Frankreichs abkommandiert. Ich muss meine Familie schützen, ich habe bereits ein Kind verloren.“ Bei den letzten Worten füllten sich Marie Antoinettes Augen mit Tränen. „Für das Grab von Louis Joseph habe ich Silbergestecke und goldene Kerzenhalter verkaufen müssen. Was sind das nur für Zeiten?“

 Der Kommandantin erkannte, dass die Unterredung mit der Königin sinnlos war. Zwar hatte Ludwig XVI. einer Versammlung der Drei-Stände-Kammer zugestimmt, aber weiter wollte sein Zugeständnis, das Volk anzuhören, nicht gehen. Dabei war die Revolution schon jetzt unabwendbar.
Francois seufzte, nicht zum ersten Mal fragte sie sich, was die Königin dazu bewog, so uneinsichtig zu handeln. Hatte sie sich derart in Marie Antoinette getäuscht? War diese von Anfang an eine Tyrannin gewesen, die sich hinter einer Fassade aus Güte und Großherzigkeit verborgen hatte? Welche Gründe gab es sonst noch, diese eisige Mauer um sich herum zu errichten? Die Sehnsucht nach Österreich? Einsamkeit? Falsche Freunde? Ihre verbotene Liebe zu Hans Axel von Fersen? Oder der viel zu frühe Tod ihres ältesten Sohnes? Diese Gründe waren zwar verständlich, aber noch lange keine Entschuldigung, ihre Pflichten als Königin dem Volk gegenüber zu vernachlässigen? Francois verbeugte sich, ohne Furcht, aber mit Trauer im Herzen hielt sie dem kalten Blick ihrer Freundin stand.

„Ich nehme meinen Abschied, Hoheit!“ Ohne sich noch einmal umzudrehen verließ die Kommandantin den Raum. Ihre Augen brannten vor Tränen und sie hätte sich ihre Uniform am liebsten vom Körper gerissen. Obwohl Francois selbst eine Adelige war lag ihr Herz doch bei dem einfachen Volk. Auf dem Flur begegnete die Kommandantin Jasmin, welche verkündete, dass der kleine Dauphin nun bereit für den Ausritt sei. In ihrem Blick lagen die Fragen, doch Francois schüttelte kaum merklich den Kopf. Nicht einmal Louis Charles strahlendes Gesicht und seine ungestüme Umarmung vermochten ihren Kummer zu lindern.

Unter dem glücklichen Jauchzen des Prinzen ritten die beiden zuerst durch die Parkanlagen und anschließend durch die angrenzenden Ländereien. Die Sonne schien wohlwollend auf sie herab und ließ Francois’ langes blondes Haar wie Gold erstrahlen. Zahlreiche adelige Damen bezeichneten sie deshalb als Göttin. Eine Anrede, welche die Kommandantin selbst völlig übertrieben fand.

„Galopp…ja…Galopp“, verlangte der kleine Prinz und Francois gab ihrem prächtigen Schimmel erneut die Sporen. Sie sprangen über einen Zaun und legten an einem See eine kurze Rast ein. Behutsam wischte die Kommandantin Louis mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn.

„Francois“, die blauen Augen des kleinen Dauphin musterten sie ernst „warum habt Ihr Euch mit Mutter gestritten?“ Für den Bruchteil einer Sekunde erstarrte Francois’ Gesicht, woher wusste der Prinz das? Wie war es möglich, dass ein Kind in seinem Alter verstanden hatte, dass es sich bei dem Gespräch um einen Konflikt gehandelt gewesen war? Weder Francois noch Marie Antoinette waren laut geworden und es waren auch keine bösen Worte gefallen.
Die Kommandantin atmete tief durch und versuchte, eine einfache Erklärung zu finden. „Wisst Ihr, mein Prinz, Eure Mutter hat etwas falsch gemacht und das Volk möchte ihr sagen, wie sie es besser machen kann. Leider weigert Eure Mutter sich, ihnen zuzuhören.“

Louis nickte verstehend, er schien den Ernst der Lage begriffen zu haben - und das, obwohl der Prinz noch ein unschuldiges Kind war. Nicht zum ersten Mal fragte Francois sich, welche Intelligenz und Fähigkeiten in ihm wohnten. Zu unterschätzen war der kleine Dauphin auf keinen Fall. Schweigend ritten sie zurück.

 

Leseproben aus "Fremde Welten"


Dunkelfee

 

Leise wiegen sich die Bäume,

es brechen die geheimen Träume.

Schritte sind kaum zu hören,

kann jemand diesen Frieden stören?

Wer wagt es, wer?

Wie auf Flügeln gleitet sie umher,

schön ist ihr Antlitz,

doch glaube diesem Trugbild nicht.

Augen schwarz wie die Nacht,

Lippen weich gleich Rosenquarz,

sie verbergen große Macht.

Es umgibt sie das Wissen alter Zeiten,

Magie schenkte den Pfad hier zu verweilen.

Sie lernte Menschen kennen,

zu viele und stumm sie zu nennen.

Wird es erleben, wenn die Erde vorbei ist,

und alles am Rande steht.

 


Lichtengel

 

Ich schaute tief in den finsteren Spiegel.
Er hinterließ tiefe Narben auf meiner Haut
und hat mir mühelos die Seele geraubt.
Kraftlos lag ich am Boden, glaubte an gar nichts mehr.
Liebe oder auch nur ein neuer Morgen,
alles schien unerreichbar und leer.
Selbst meine Federn sind viel zu schwer.

Und doch brachte ich eine Erzählung zu Papier,
von Liebe, Verzweiflung und Tod war ihre Zier.
Deine Augen lasen sie und führten dich zu mir.
Dann kam jener graue Regentag,
wo ich ging die Straße entlang.
Plötzlich sprangst du mich von hinten an
und wie Glas splitterte der Trauer Bann.
Mein Herz erwachte zu neuem Leben.
Mein Engel aus Licht, ich will dich nie mehr hergeben.